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„Ist alles toll, ist nichts mehr wichtig“
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Beim Branchentreff Musiksymposium – The Music Meeting Day in Zürich standen neben dem Musikjournalismus auch die unterschiedlichen Erfolgsrezepte der Schweizer Indie-Labels im Fokus sowie die Frage, ob Schweizer Musiker überhaupt von ihrer Kunst leben können.
| Nick Werren (Endorphin Entertainment), Christoph Trummer (Verein Musikschaffende Schweiz), Musiksymposium-Organisatorin Olivia Viteka und Sängerin Jaël; Lorenz Haas (IFPI Schweiz), Christoph Trummer und Bruno Marty (Schweizerische Interpretengesellschaft SIG); Martin Geisser (Bakara Music) und Reto Lazzarotto (Gadget); Cla Nett (Musikverleger), Claudia Kempf (SUISA), Poto Wegener (Swissperform) und Oliver Jmfeld (Yes Music); Hanspeter „Düsi“ Künzler, Olivia Viteka und Mauro Tiberi (Musiker) | Fotos: Willy Viteka
Hanspeter „Düsi“ Künzler beantwortete beim elften Musiksymposium als erstes die im Titel seiner Keynote aufgeworfene Frage „Traumberuf Musikjournalist?“ – und zwar mit: „eigentlich schon“. Der seit den 70er Jahren in London lebende Autor erklärte es zur Hauptsache, dass überhaupt über Musik geschrieben werde. „Und das mit Leidenschaft.“ Künzler erinnerte daran, dass in den 60er Jahren auf eidgenössischen Radiostationen in erster Linie Schlager, Volksmusik oder Klassik gespielt wurden. „Wer in der Schweiz oder Deutschland zu dieser Zeit glaubwürdig über angelsächsische Musik schreiben wollte, war gezwungenermaßen nicht nur Musikschreiber, sondern auch eine Art Dolmetscher.“ In den 80er Jahren, als Rock und Pop in den deutschsprachigen Ländern kurz eine zentrale Rolle innehatten, hätten Publikationen wie „Spex“ floriert, so der Schweizer. „Es ist kein Zufall, dass die große Mehrheit der Journalisten, die sich dieser Tage als Profis in den diversen Medien mit Populärmusik beschäftigen, aus dieser Ge-
neration stammen.“ Heute, wo es für Musikjournalismus immer weniger Budget und Platz gebe, finde sich auch immer weniger Raum für Verrisse. „Das stört mich.“ Begegne man nämlich bloß noch schwärmerischen Kritiken, verliere die Musikberichterstattung jegliche Konturen, befand Künzler. „Denn wenn alles toll ist, ist nichts mehr wichtig.“
wünschen übrig. Musiker wüssten es jedoch per se zu schätzen, dass man sich mit ihrer Kunst auseinandersetze. Von den Plattenfirmen erhoffte sich Markus Ganz ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass ein gutes Umfeld Voraussetzung für ein gelungenes Interview sei. Der freischaffende Journalist machte auch klar: „Erfolg ist kein zwingender Grund für eine Berichterstattung.“
Erfolg allein reicht nicht Im Anschluss referierte „musikmarkt“-Korrespondent Markus Ganz zum Thema „Musik und Journalismus – ein Minenfeld“. Der Zürcher erklärte, Musiktexte würden schlecht bezahlt und es gebe auch immer weniger Raum für sie. Der allgegenwärtige Sparzwang führe zudem dazu, dass Musikthemen häufig nicht mehr von Fachleuten, sondern von Allroundern geschrieben würden. Die Situation in der Schweiz sei deshalb außergewöhnlich, weil die helvetische Pop- und Rock-Szene lange sehr klein war. Obschon diese unterdessen stark gewachsen sei, lasse die Berichterstattung zu
Digital-Vermarktung stagniert Danach widmete sich Georg Egloff, langjähriger CEO und Mitinhaber von Ticketcorner, dem Thema „Kampf um die musikalische Wertschöpfung“. Der 52-Jährige machte keinen Hehl daraus, dass die digitale Musikvermarktung stagniert. Und selbst am lange gepriesenen Live-Markt ziehen laut Egloff vermehrt dunkle Wolken auf. So habe die Besucherzahl im vergangenen Jahr nur gerade 1,4 Prozent zugelegt. „Die Luft für viele Veranstalter ist gnadenlos dünn“, so Egloff. Das bleibe nicht ohne Auswirkungen auf Schweizer
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| Musiksymposium 2015: Produzent Roman Camenzind, Victor Waldburger (TBA/Phonag) und Stefan Planta (TBA); m4music-Festivalleiter Philipp Schnyder von Wartensee und „musikmarkt“-Autor Markus Ganz; Olivia Viteka, Sänger Seven und Ilan Kriesi (Redkey GmbH) | Fotos: Willy Viteka
Musiker: „Für die bleibt verdammt wenig“, sagte der Gründer und Betreiber des Start-upUnternehmens tixtec (s. Seite 84). Zahlt ein Kunde 40 Euro für ein Konzertticket, erhalte der Künstler gerade mal rund zehn Prozent des Endbetrages. Egloffs Erfolgsszenario heißt Selbstvermarktung. Musiker müssten sich selbst um Gönner, Sponsoring, Medien und Fanclubs kümmern. Egloff verwies aufs Beispiel Bo Katzmann, der seine Tickets etwa mit Meet-and-Greet-Möglichkeiten verbindet. „Das nenne ich Wirtschaftlichkeit.“
Schweizer Indie-Labels im Mittelpunkt Beim anschließenden Panel „Schweizer Indies – Was ist ihr Erfolgsrezept“ berichteten Vertreter von Indie-Labels über ihre unterschiedlichen Strategien. Während Reto Lazzarotto (Gadget Music) darauf hinwies, dass sich sein Unternehmen ausschließlich auf ein paar wenige Schweizer Acts konzentriere, stand Victor Waldburger von TBA/Phonag zum breiten Katalog seiner Firma. „Die Welt hat schließlich auch mehr als nur eine Farbe.“ Dennoch habe man ein klares Credo: „Bei uns müssen alle hinter einem Act stehen können.“ Fabienne Schmuki, CEO von Irascible, gab zu Protokoll: „Wir haben eine andere Ausgangslage, denn wir sind in erster Linie ein Musikvertrieb.“ Dabei sei es das Anliegen von Irascible, ein passendes Konzept für die Musiker zu entwickeln. Unisono war man der Meinung, dass es in dieser Branche viel Idealismus brauche. „Wer dieses Geschäft einzig am Geld ausrichtet, sollte sich besser einen anderen Job suchen“, so Waldburger. Laut Lazzarotto müsse man bereit sein, lange Jahre mit einer Band im Schützengraben auszuharren. „Und manchmal setzt man dabei aufs falsche Pferd.“ Am Nachmittag war die Reihe zunächst an Robin Hofmann, Geschäftsführer/Direktor von HearDis. Der Deutsche gewährte einen kurzen Einblick in die Konzeption, Planung und Durchführung akustischer Markenkommunikation. Oder wie Hofmann sagte: „Wir ver-
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binden Musik mit Marken.“ Beim Panel „Kann ein Schweizer Musiker von der Musik leben?“ gab die frühere Lunik-Sängerin Jaël an, dass sie seit 13 Jahren von ihrer Kunst lebe. „Mal besser, mal weniger gut.“ Das sei gewöhnungsbedürftig. „Vielleicht kommt es mal soweit, dass ich nur von Musik leben kann“, sagte hingegen Adrian Erni, Frontmann der Gitarrenband Yokko. Bis dahin wird der 25jährige Berner seinem Nebenberuf treu bleiben. Weil er unter „enormen Lampenfieber“ litt, wechselte Roman Camenzind von der Bühne hinters Produktionspult. „Die Perspektiven für Newcomer sind momentan sehr, sehr schlecht“, sagte er. Grund: „Wir haben keinen Markt mehr.“ Feind Nummer eins aus seiner Sicht: YouTube. Soul-Sänger Seven – der kommendes Jahr an der deutschen TV-Erfolgsshow „Sing meinen Song“ teilnehmen wird – gestand: „Ich hatte zwar nie einen Megahit, konnte mich aber langsam und stetig steigern. Doch jetzt stagniert das Ganze.“ Seine Forderung: „Eine Quote für Schweizer Musik.“ Jaël sieht sich nicht als Revoluzzerin, sondern zieht es vor, eigene Lösungswege zu beschreiten: „Ich fertige auch Sprach- oder Werbeaufnahmen an.“ Das klinge vielleicht ein wenig nach Resignation, doch: „Man muss sich vielfältig orientieren.“
Förderung des nationalen Repertoires Während Andy Renggli von GfK Entertainment in seinem Referat ausführte, wie die Schweizer Hitparade funktioniert, bot Christoph Trummer, Präsident des Vereins Musikschaffende Schweiz, eine Bestandsaufnahme zum „Radioland Schweiz“: In den aktuellen Konzessionsverträgen mit den Privatradios, die bis mindestens 2019 laufen, spiele einheimische Musik quasi keine Rolle, hielt er fest. „Wir erwarten jedoch, dass eine Verpflichtung zur Förderung und zur Präsentation des einheimischen Musikschaffens zu den verbindlichen Bestandteilen jeder Sendeerlaubnis für die Schweiz gehört.“ Das abschließende Panel „Entwicklung der Live-Szene Schweiz“ dreh-
te sich nicht zuletzt um die Tatsache, dass das Festivaljahr 2014 so schlecht lief wie noch keines zuvor. Laut Oliver Dredge, Geschäftsführer des KiFF in Aarau, musste sein Klub im vergangenen Jahr bei den kleinen und mittleren Konzerten einen Besucherrückgang konstatieren. „Es wird immer schwieriger, an die richtigen Acts zu kommen“, sagte er. Zudem gebe es eine immer größere Anzahl an Klubs, Festivals und Gratiskonzerten. „Das führt dazu, dass sich das Publikum zunehmend verteilt.“ Roman Pfammatter, Geschäftsleiter des Open Air Gampel, das 2015 ausverkauft war, gab sich vergleichsweise zuversichtlich: „Man muss sich dem Publikum anpassen und sich jedes Jahr neu positionieren.“ Dass kulturelle Aspekte bei dieser Art Vorgehen eventuell zu kurz kommen, wollte der Walliser allerdings nicht ausschließen. Er erachtete es als Problem, dass viele Schweizer Bands glaubten, Anspruch auf Erfolg zu besitzen. „Das ist aber kein automatischer Prozess.“ Florian Wäspe, Booker des ArtOn Kulturklubs in Zürich, meinte, dass letztlich das Publikum entscheide. In seinem Haus, wo man ganz auf Kollekten setzt, würden gewisse Bands mit 60 Franken nach Hause gehen, andere mit 500. Seine Sichtweise: „In der fünften Liga bekommen Fußballer auch keine Gage.“ Olivia Viteka, die Programmverantwortliche des elften Musiksymposiums, das von der Schweizerischen Vereinigung der Musikverleger (SVMV) sowie der Association of Swiss Music Producers (ASMP) veranstaltet wurde, zeigte sich im Nachgang überaus zufrieden mit dem Event: „Ich glaube, wir hatten noch nie einen derart gelungenen Music Meeting Day.“ Dementsprechend positiv sei auch das Feedback von Teilnehmenden und Musikschaffenden ausgefallen. Einziger Wermutstropfen: „Aufgrund des spannenden Programms hatten wir mit ein paar Anmeldungen mehr gerechnet.“ Aus Aktualitätsgründen beginne man mit der Planung fürs nächste Musiksymposium erst im kommenden Jahr, aber: „Bereits jetzt sammeln und sichten wir Ideen und Vorschläge.“ | Michael Gasser